Mailand. Nations League: Der Bundestrainer kann gegen Italien einen Schritt zum ersten großen Titel gehen, wenn er erneute Fehler vermeidet.

Von Julian Nagelsmann war in den vergangenen Monaten nicht viel zu sehen. Auch nicht zu hören oder zu lesen. Der Bundestrainer hielt sich mit öffentlichen Auftritten stark zurück. Sogar seine vorzeitige Vertragsverlängerung im Januar bis zur EM 2028 war dem Deutschen Fußball-Bund keine eigene Pressekonferenz wert. Und so nannte die „Bild“-Zeitung Nagelsmann in dieser Woche bereits den „Bundestrainer aus dem Home-Office“.

Wer solche „Probleme“ hat, scheint vieles richtigzumachen. Und Nagelsmann hat seit seiner Amtsübernahme im September 2023 einiges richtig gemacht. Nicht alles, aber vieles. Der 37-Jährige hat wieder Energie und Gier nach Erfolg in die Mannschaft gebracht. Zu spüren war das vor allem nach der Europameisterschaft in der einst ungeliebten Nations League, in die Nagelsmanns Mannschaft die EM-Euphorie transportierte und phasenweise begeisternden Fußball spielte.

Nagelsmann hat viele richtige Entscheidungen getroffen

Vor allem aber hat es Nagelsmann geschafft, dass die Deutschen wieder Lust haben auf ihre Nationalmannschaft. Weil die Fans spüren, dass sich die Spieler wieder identifizieren mit der DFB-Auswahl. Das war in den Jahren zuvor nicht immer so. Insbesondere vor der Heim-EM traf Nagelsmann mit seiner Personalauswahl die richtigen Entscheidungen, indem er die richtigen Charaktere nominierte.

Eines hat Nagelsmann in seiner noch jungen Trainerkarriere aber nicht geschafft: das Finale eines großen Wettbewerbs zu erreichen. Sein bislang einziger Titel im Herrenfußball war die Pflicht-Meisterschaft mit den Bayern in der Saison 2021/22.

Wie Nagelsmann zwei große Spiele vercoachte

Dass es bislang noch nicht zu weiteren Titeln gereicht hat, liegt auch daran, dass Nagelsmann in der Spielvorbereitung einerseits ein Perfektionist ist, gleichzeitig aber auch einen ausgeprägtem Hang zu besonderen Ideen hat. Sein Mut mutiert dann gerne mal zu Übermut. Man erinnere sich an sein Experiment mit Kai Havertz als Linksverteidiger im Herbst 2023.

Seine bitterste Niederlage erlebte Nagelsmann 2022 in seiner ersten Saison als Bayern-Trainer, weil er sich im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League gegen Villareal arg vercoacht hatte. Nagelsmann wechselte gegen die Spanier beim Stand von 1:0 kurz vor Schluss den Außenverteidiger Alphonso Davies als Innenverteidiger in die Dreierkette ein, und dieser verursachte prompt den 1:1-Ausgleich, welcher das Ausscheiden bedeuten sollte. „Nagelsmann hat sich verwechselt“, titelte Spiegel Online. „Taktische Fehler wie in einer Jugendmannschaft“ lautete die Überschrift bei zeit.de.

EM 2024: Zweigeteilte Bewertung des Spanien-Spiels

Und auch bei seinem bislang größten Spiel als Bundestrainer, dem Viertelfinal-Aus gegen Spanien bei der Heim-EM 2024, beging Nagelsmann einen offensichtlichen Fehler. Dass er in diesem Spiel plötzlich mit Emre Can einen Spieler starten ließ, den er ursprünglich gar nicht für den EM-Kader nominiert hatte, war neben der stummen Pfeife von Anthony Taylor nach Cucurellas Handspiel einer der Gründe für das EM-Aus.

Zwar korrigierte Nagelsmann diesen Fehler zur Halbzeit ebenso wie die Nichtberücksichtigung von Florian Wirtz, doch am Ende der Verlängerung konnte Deutschland dadurch nicht mehr wechseln, obwohl Toni Kroos vor Krämpfen kaum noch laufen konnte. Spanien erzielte schließlich in der Schlussminute den Siegtreffer. Dass die Deutschen hinterher trotzdem voller Stolz auf die Leistung ihrer Nationalmannschaft blicken konnten, war auch das Verdienst von Nagelsmann.

Lesen Sie auch

Bundestrainer Julian Nagelsmann gibt taktische Anweisungen.
Nationalmannschaft
DFB: Nagelsmann mit Optimismus – „Wir-Gefühl wie noch nie“
Von Christian Woop
Deutschland vs. Niederlande, Fussball, UEFA Nations League, Gruppe C, 14.10.2024
Nationalmannschaft
Aufbruch nach Umbruch: Die Gründe für den DFB-Höhenflug
Von Henrik Jacobs und Christian Woop

Wäre der Bundestrainer schon ein paar Jahre älter und schon ein paar Jahre länger im Amt, hätte man ihm diesen Aufstellungsfehler sicher deutlich kritischer vorgehalten. So wie bei der EM 2012, als Joachim Löw sich im Halbfinale gegen Italien mit seiner Taktik und der Startelf klassisch vercoachte und sich wochenlang rechtfertigen musste. Löw scheitere immer wieder in den großen Spielen, lautete der Vorwurf.

Das Ende der Geschichte: Löw wurde zwei Jahre später Weltmeister. Genau das will auch Nagelsmann im kommenden Jahr werden. Bis dahin muss der Nationalcoach aber vor allem in den großen Spielen noch zeigen, dass er ein großer Trainer ist. Diese Chance hat er schon jetzt. Ein Sieg gegen Italien und dann später womöglich im Finale der Nations League ein Triumph in der Neuauflage des EM-Viertelfinals gegen Spanien? Das wäre dann tatsächlich der Beginn einer großen Bundestrainer-Karriere.