Berlin. Was geschah in den letzten Stunden von Hanns Martin Schleyer? Bei „Markus Lanz“ treffen Silke Maier-Witt und Jörg Schleyer aufeinander.
Bei „Markus Lanz“ treffen am Donnerstagabend zwei Menschen aufeinander, die durch ein Verbrechen für immer verbunden sind: Silke Maier-Witt, ehemalige RAF-Terroristin, und Jörg Schleyer, der Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Das Gespräch ist von Anspannung, offenen Fragen und unverarbeitetem Schmerz geprägt.
„Ich finde es wichtig, die Hand zu nehmen, wenn jemand auf mich zukommt“, sagt Jörg Schleyer eingangs. Doch seine wichtigste Frage bleibt – auch nach dem Gespräch -unbeantwortet: Was passierte in den letzten Stunden seines Vaters? Maier-Witt weicht aus. Das wisse sie nicht. Es sei keine Zeit für Reflexion gewesen, vielmehr eine Phase innerer Auflösung. „Die Sache war abgehakt. Wir waren als Gruppe am Ende.“ Eine ernüchternde Bilanz für einen Terrorakt, der Deutschland erschütterte.
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„Markus Lanz“: Was trieb die RAF-Mitglieder an?
Am 5. September 1977 entführte ein Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) Hanns Martin Schleyer in Köln. Zuvor wurden seine vier Begleiter – sein Fahrer und drei Polizisten – bei einem Hinterhalt erschossen. Die Entführung war Teil einer Strategie, um die Freilassung inhaftierter RAF-Mitglieder zu erzwingen. Als die Bundesregierung unter dem damaligen SPD-Kanzler Helmut Schmidt nicht nachgab, wurde Schleyer am 18. Oktober 1977 ermordet aufgefunden – ein Schockmoment, der als Höhepunkt des „Deutschen Herbstes“ in die Geschichte einging.
Markus Lanz gibt sich nicht zufrieden. Immer wieder hakt er nach den Motiven, den ideologischen Überzeugungen und den konkreten Abläufen. Doch statt Klarheit zu schaffen, offenbart die Sendung ein Bild von Zerrissenheit und Schuldabwehr. „Warum nimmt man das in Kauf? Für welche Idee?“, fragt er. Maier-Witts Antwort: die Befreiung der inhaftierten RAF-Mitglieder aus dem Gefängnis. Eine Überzeugung, die rückblickend wie eine bittere Ironie wirkt. „Wir haben die Stammheimer nicht freibekommen“, sagt sie nüchtern.
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Die NS-Vergangenheit – ein gescheiterter Erklärungsversuch
Die sogenannte „Stammheimer Gruppe“ bestand aus den Gründungsmitgliedern der RAF wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Sie waren wegen zahlreicher Anschläge, Morde und Banküberfälle verurteilt worden und saßen in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim in Isolationshaft. Ihr Prozess und die anschließende Inhaftierung galten der RAF als Symbol staatlicher Repression und dienten als Rechtfertigung für die Gewaltaktionen der zweiten RAF-Generation.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Wolfgang Kraushaar, Politologe und Chronist der RAF-Geschichte, bringt Ordnung in die emotional aufgeladene Debatte. Er verweist auf die ideologische Prägung der Täter, aber auch auf die nationalsozialistische Vergangenheit von Hanns Martin Schleyer. Ein Punkt, den Lanz provokant aufgreift: „Ihr Großvater war in der SA, Ihr Vater in der SS“, zählt er die Familiengeschichte von Schleyer auf – ein Erklärungsversuch, der den Mord jedoch nicht rechtfertigt.
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Ex-RAF-Staatsanwalt konfrontiert Maier-Witt mit Widersprüchen
Klaus Pflieger, ehemaliger RAF-Staatsanwalt, konfrontiert Maier-Witt schließlich mit Widersprüchen in ihren Aussagen. Zweimal schon hat er sie verhört. „Ich habe permanent den Eindruck gehabt, dass Sie sich schwertun, zu dem zu stehen, was Sie getan haben“, erklärt er. Maier-Witt verteidigt sich: Sie habe nie geleugnet, Teil der Entführung gewesen zu sein. Doch über die entscheidenden Details – wer die Todesschüsse abgab – schweigt sie. Das wisse sie nicht. Da sei nicht drüber geredet worden.
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Als Maier-Witt äußert, dass sie sich angegriffen fühlt, ordnet Kraushaar schließlich ein: „Die Wurzel in dieser Begegnung besteht ja in dem Wunsch des jüngsten Sohnes des ermordeten Hanns Martin Schleyer, etwas zu erfahren über die letzten Tage und Stunden, die zur Ermordung, zur Hinrichtung führen.“ Dieser „gordische Knoten“ könne nur gelöst werden, indem Schleyer mit dem mutmaßlichen Schützen Stefan Wisniewski rede, macht Kraushaar deutlich. Doch Jörg Schleyer lehnt ab: „Ich möchte nicht mit jemandem am Tisch sitzen, der meinen Vater ermordet hat.“