Bremen. Ein Georgier flieht nach Deutschland. Verfolgung, Gewalt und Flucht haben ihn gebrochen. Dann tat er, was viele Geflüchtete nicht schaffen.

  • Laut einer Auswertung sind 30 Prozent der Geflüchteten in Deutschland psychisch krank
  • In rund 50 Psychosozialen Zentren können Geflüchtete Hilfe suchen
  • Nikolaz ist einer von ihnen, er kommt aus Georgien und lebt jetzt in Bremen
  • Mitarbeitende sorgen sich über den wachsenden Druck aus der Politik
  • Für die Finanzierung der Psychosozialen Zentren muss immer wieder neu gekämpft werden

Die Haut, so sagt es ein Sprichwort, sei der Spiegel der Seele. Sie trocknet, sie rötet, sie reißt, wenn der Stress groß ist und die Psyche eines Menschen erschöpft, von der steten Alarmbereitschaft. Nikolaz sitzt in seinem Stuhl, sein Körper faltet sich immer wieder zusammen, die Schultern senken sich, er streicht sich mit den Händen ins Gesicht, seine Augen blicken nach unten.

Nikolaz‘ Stimme ist leise, er nuschelt die Worte meist nur kurz heraus. Und seine Haut ist errötet, als wäre sie die einzige laute Sirene in diesem Raum. Als wolle sie warnen: Das alles war viel, vielleicht zu viel, die Angst, die Drohungen, die Flucht, die Sorgen in der Heimat, die Probleme hier in Deutschland.

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Nikolaz heißt eigentlich anders. Seine Geschichte darf hier nur umrissen werden, denn er hat Angst, erkannt zu werden. Auch hier in Deutschland. Nur so viel: Nikolaz diente im georgischen Militär, er zog in den Krieg gegen Russland 2008, kämpfte. Bis heute steht Georgien massiv unter Einflussnahme russischer Nachrichtendienste. Das spürten auch Nikolaz und seine Familie, als die Verfolgung begann. Mehr will Nikolaz nicht sagen. „Keine Politik“, das ist seine Bedingung für dieses Gespräch.

Doch es gibt ein Indiz dafür, dass die Lage ernst sein muss für Nikolaz: Dass ein Mensch aus Georgien von einem Verwaltungsgericht Asyl zugesprochen bekommt, ist selten. Viele werden abgelehnt und abgeschoben. Georgien gilt als sicher, eigentlich. Doch nicht für Nikolaz. Er hat nun einen Schutztitel in Deutschland.

Nikolaz hat die Verfolgung krank gemacht. Er litt unter schwerwiegenden Schlafstörungen

Und Nikolaz hat einen Therapieplatz. Er sitzt im ersten Stock des . In der Ecke und auf der Fensterbank stehen Pflanzen, die Wand ist im warmen Gelb bemalt, dekoriert mit ein paar schwarz-weißen Bildern. Gegenüber von Nikolaz sitzt die Dolmetscherin, spricht Russisch und Deutsch. Und dort sitzt Ralph Keller, Nilolaz‘ Therapeut. Später wird er sagen: „Ich bin froh, dass Nikolaz jetzt hier bei uns ist. Dass er noch lebt.“

Refugio-Zentrum in Bremen
Nikolaz aus Georgien (unscharf im Vordergrund) mit Therapeut Ralph Keller im Refugio in Bremen. Viele Geflüchtete erkranken erst in Deutschland. © FUNKE Foto Services | Mark Sandten

Nikolaz hat die Verfolgung krank gemacht. Er litt unter schwerwiegenden Schlafstörungen, konnte sich nicht konzentrieren, hatte Angst, wenn es an der Tür klopfte, wenn Uniformierte auftauchen auf der Straße oder eine Sirene heult. Wenn er heute Nachrichten aus Georgien liest, dass wieder Menschen bei Protesten festgenommen werden.

Nikolaz, so erklärt es Therapeut Keller, hat ein Erlebnisgedächtnis. Sein Körper spuckt Stresshormone aus, wenn der Alltag Erinnerungen an die Ängste weckt. „Das ist ein tägliches Minenfeld.“

Jeder vierte Mensch in Deutschland erfüllt laut Psychotherapie-Verbänden im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Angststörungen, Depressionen, Erschöpfung, Folgen von Drogenmissbrauch, bis hin zu Suizid-Gedanken. Für fast 20 Millionen Menschen ist die Krankheit mit starkem Leid verbunden.

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    Unter Geflüchteten ist die Verletzlichkeit der Seele noch stärker. Laut einer Auswertung der  sind etwa 30 Prozent der Geflüchteten in Deutschland psychisch krank. Andere Schätzungen gehen sogar von 40 Prozent und mehr aus. Auch bei Flüchtlingskindern in Deutschland sind Erkrankungen aufgrund traumatischer Erlebnisse besonders häufig. 

    Wenn die Politik über Flucht und Migration diskutiert, geht es meist um Abschiebungen, um Grenzkontrollen und Integration, immer wieder auch um Fachkräftemangel. Um die Versorgung von Geflüchteten geht es eigentlich nur, wenn Schlimmes passiert. So wie in Aschaffenburg, zu Beginn des Jahres, als ein 28 Jahre alter Afghane ein Kind und einen Mann in einem Park tötete. Der Täter war mehrfach psychisch aufgefallen und in eine Klinik eingewiesen worden – doch länger behandelt wurde der Mann offenbar nicht. Die Ermittlungen laufen. Schon jetzt stellt sich die Frage: Hätte die Gewalttat verhindert werden können, wenn der Afghane therapeutische Hilfe bekommen hätte?

    Das Refugio in Bremen ist eines von rund 50 Psychosozialen Zentren in Deutschland. Rund 25.000 Geflüchtete therapierten die Mitarbeiter aller Zentren im Jahr 2022, in Bremen waren es im vergangenen Jahr rund 500 Klienten. Manche kommen nur zwei, drei Mal zu Sitzungen, andere sehen die Therapeutinnen und Therapeuten jede Woche. Ein Drittel ist minderjährig.

    Nikolaz hat die Hürde genommen, und kam zum Zentrum in Bremen. Andere schaffen es nicht

    „Pro Quartal müssen wir etwa 20 bis 30 Menschen ablehnen, weil unsere Kapazitäten für Therapieplätze am Limit sind“, sagt Danja Schönhöfer, Therapeutische Leitung von Refugio. 10.000 waren es in allen Zentren, die 2022 keinen Therapieplatz bekommen konnten. „Diejenigen, die wir ablehnen, bleiben unversorgt.“ Schon Deutsche warten im Durchschnitt fünf Monate auf einen Therapieplatz, bei Geflüchteten sind es mehr als sieben. Und dann muss auch noch ein passender Dolmetscher für Arabisch, Farsi oder Russisch zur Stelle sein.

    Nikolaz flieht 2022 aus Georgien nach Deutschland. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in einem Flüchtlingswohnheim, sucht eine Wohnung für seine Familie. Im Sommer 2023 kommt er zum ersten Mal ins Refugio, zu Ralph Keller. Im Heim hatte er von der Chance erfahren, dass es auch für Menschen auf der Flucht eine Therapie gibt. 16 Mal war Nikolaz seitdem bei Keller. Vor allem in den ersten sechs Monaten oft, als es dem Georgier sehr schlecht ging. Nikolaz hat die erste Hürde genommen, und kam zum Zentrum in Bremen.

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    Viele schaffen diesen Schritt nicht. Entweder erkennen sie selbst gar nicht, dass sie psychisch krank sind, nehmen Tabletten gegen den wummernden Kopf, kämpfen mit Rückenschmerzen – doch sehen nicht die Verbindung zu ihrer Seele. Wer auf dem Land in Nigeria oder Afghanistan aufwächst, weiß vielleicht nicht einmal, dass es so etwas wie Psychotherapie gibt.

    Mehrere Bundesländer testen nun ein Frühwarnsystem für psychisch erkrankte Menschen in den Flüchtlingsunterkünften. Bei einem Gesundheitsscreening soll nicht nur erkannt werden, ob ein Mensch an Tuberkulose oder Malaria leidet – sondern auch psychisch fit ist. Kommen Asylsuchende mit psychischen Problemen nach Deutschland, wird ihnen in einem ersten Schritt ein anderer Geflüchteter zur Seite gestellt. Eine Therapie kann das nicht ersetzen.

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      Therapeutin Schönhöfer erzählt, dass manche Geflüchtete denken würden, es geht in eine geschlossene Psychiatrie, wenn sie ein Psychosoziales Zentrum aufsuchen. Andere fürchten Ausgrenzung in ihrer eigenen Community und der deutschen Gesellschaft, wenn sie sich Hilfe suchen. „Geflohen – und auch noch psychisch erkrankt – empfinden sie als eine doppelte Stigmatisierung. Und sie fragen sich: Darf ich hierbleiben? Bekomme ich eine Arbeitsstelle? Was wird aus meinen Kindern?“

      Die nächste Hürde: Wenn sie in Deutschland sind, haben Schutzsuchende in den ersten drei Jahren keinen Anspruch auf normale Kassenleistungen. Nur bei akuten Schmerzen, etwa wenn sie sich den Arm gebrochen oder eine Grippe haben, erhalten sie Gesundheitsleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Die Ampel-Regierung hat diese Wartezeit zur Regelversorgung verlängert, vorher waren es 18 Monate, 1993 sogar einmal 12 Monate. Bis zum vierten Jahr in Deutschland muss das Sozialamt eine Psychotherapie bewilligen. Doch die, so sagen es zumindest Flüchtlingshelfer, würden die Behandlung selten anerkennen.

      „Wir empfinden Respekt für das, was Sie durchgemacht haben“

      Deshalb gibt es Zentren wie das Refugio, finanziert vor allem durch staatliche Zuschüsse von Bund und Land, Geld der Vereinten Nationen und Spenden. Ralph Keller, 53 Jahre alt, arbeitet seit 2001 in Bremen. Er selbst lebte mehr als zwei Jahre in Ghana, trägt lange Rastalocken und ein T-Shirt mit Regenbogenfarben. Und gerade, im Raum mit den Pflanzen und Bildern, versucht er, Nikolaz ein wenig zu öffnen für das Gespräch. „Wir empfinden Respekt für das, was Sie durchgemacht haben.“ Nikolaz lächelt so leise, wie er spricht.

      Vor allem will Nikolaz sich bedanken bei Keller, bei Deutschland. Er fühle sich hier nicht wie beim Arzt, übersetzt die Dolmetscherin. Es fühle sich an wie Gespräche mit einem alten Freund. Und immer wieder sagt Nikolaz: Danke. Es wirkt fast wie ein vorbereitetes Statement.

      Refugio-Zentrum in Bremen
      Therapeutische Leiterin im Refugio in Bremen: Danja Schönhöfer. „Wir merken den Druck.“ © FUNKE Foto Services | Mark Sandten

      In den Sitzungen mit Keller rede er über das, was ihm „am Herzen liegt“. Nachfragen möchte er nicht beantworten. Was ihm schlaflose Nächte verschaffe, auch nicht. Nikolaz beantwortet das Nachhaken nach seinen Gefühlen mit einer Gegenfrage: „Waren Sie schon einmal im Krieg? Nein. Dann wissen Sie nicht, was ich erlebt habe.“

      Nikolaz hat kein Vertrauen zu dem Reporter, den er erst seit ein paar Augenblicken kennt. Es wird sich in der knappen Stunde des Gesprächs nicht ändern. Das zeige, so schildert es Keller später, was für ihn als Therapeuten die größte Herausforderung ist und oft erst nach mehreren Sitzungen gelingt: Vertrauen schaffen bei Menschen, die durch Krieg, Gewalt und Flucht viel Vertrauen in die Menschen verloren haben.

      In Bildern und Skulpturen können Menschen ihre Traumata mit ihren Händen verarbeiten

      Für viele Menschen ist die Heilung seelischer Verletzungen ein Prozess, der Monate dauert. Vielleicht ein ganzes Leben. Mit Höhen und Tiefen. Therapie ist vor allem Gespräch, viel Reden. Einzeln oder in Gruppen. Im Refugio nutzen die Mitarbeitenden auch Musikinstrumente und Sport als Hilfe. Auch Malen und Basteln gehört dazu. In Bildern und Skulpturen können Menschen ihre Traumata mit ihren Händen verarbeiten.

      Was die Heilung erschwert, sind die Erlebnisse der Gewalt – in der Heimat, auf der Flucht. Junge Flüchtlinge berichten von sexuellem Missbrauch von Schleusern. Das Erlebnis der Flucht kann Psychosen verstärken und nach Einschätzung von Fachleuten Halluzinationen, Trägheit oder Verfolgungswahn auslösen.

      In der Debatte über Grenzzäune geht Polen voran und hat einen kilometerlangen Stahlzaun an der Grenze zu Belarus errichtet. (Archivbild)
      In der Debatte über Grenzzäune geht Polen voran und hat einen kilometerlangen Stahlzaun an der Grenze zu Belarus errichtet. (Archivbild) © AP/dpa | Czarek Sokolowski

      In Deutschland leben Asylsuchende dann in engen und lauten Unterkünften. Auch das ist ein Stressfaktor. Und so werden viele Flüchtlinge erst hier psychisch krank, in Deutschland. Vor allem eine Frage kann Ängste triggern: Bekomme ich Asyl? Wer ständig fürchtet, in seine Heimat zurückzumüssen, wird sich kaum beruhigen können.

      Weil viele Abschiebungen scheitern, hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren die Befugnisse der Behörden erweitert. Abschiebegewahrsam gilt nun für bis zu 28 Tage, nicht mehr für zehn. Die Ämter müssen Abschiebungen nicht mehr ankündigen, sofern nicht Familien mit Kindern unter zwölf Jahren betroffen sind. Der Druck auf Asylsuchende wächst – vor allem, wenn ihre Chancen auf Schutz in Deutschland gering sind.

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      Diesen Druck der Politik würden auch Therapiezentren wie Refugio spüren, sagt Leiterin Schönhöfer. „Gelder werden gestrichen, der Asylstatus unserer Klienten wird zunehmend angegriffen von den Behörden.“ Wenn Therapeutinnen und Therapeuten in einem Asylfall vor Gericht als Sachverständige aussagen, werde ihnen „stärker Misstrauen entgegengebracht“, sagt Schönhöfer.

      Kommen die Budgetkürzungen nun doch nicht? Das Misstrauen ist groß

      Die alte Bundesregierung hatte ursprünglich das Budget die psychosozialen Zentren im laufenden Jahr fast halbiert, von 13 auf rund sieben Millionen Euro. Kurz vor der Wahl kündigte das Familienministerium eine Finanzspritze von weiteren fünf Millionen Euro an. Immerhin, sagen nun die Therapeuten. Zugleich ist auch hier das Misstrauen gewachsen. Die alte Regierung ist abgewählt, das Budget für 2025 noch nicht durch eine kommende Koalition beschlossen. Vieles bleibt unsicher, bisher nur versprochen.

      Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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      So erreicht die zugespitzte Migrationsdebatte nun auch Zentren wie Refugio in Bremen. Zwischen Diskussionen über Etatkürzungen, Abschiebungen und Grenzschließungen versuchen sie Menschen wieder aufzurichten, die tief gefallen sind. Menschen wie Nikolaz aus Georgien.