Berlin. Am Montag beginnt der Strafprozess wegen sexueller Übergriffe gegen Frankreichs Top-Schauspieler. Sein Anwalt gibt sich siegessicher.

Gérard Depardieu (76), Frankreichs großer Schauspieler, gehe es kurz vor seinem Auftritt vor Gericht „nur mittelprächtig“, teilte seine Tochter Julie mit. Am Montag nun beginnt in Paris ein Prozess gegen den Künstler, in dem es um mutmaßliche sexuelle Übergriffe auf zwei Frauen bei Dreharbeiten 2021 geht. Sein Anwalt will mit neuen Zeugenaussagen beweisen, dass alles auf einer Lüge basiere. Im Oktober hatte Depardieu den Gerichtstermin noch wegen einer Bypass-Operation und Diabetes platzen lassen. Aber nun, so sein Anwalt, „möchte Depardieu angehört werden“.

Das Investigativmagazin „Mediapart“ hatte die Vorwürfe der beiden Frauen im Februar 2024 öffentlich gemacht. Eine der Klägerinnen, eine über 50-jährige Dekorateurin, gab an, Depardieu habe sie in einem Korridor an sich gezogen, mit seinen Beinen fixiert und dabei über der Kleidung an Brust, Gesäß und Intimbereich berührt – begleitet von obszönen Bemerkungen. Im Februar 2024 erstattete sie Anzeige wegen sexueller Übergriffe, Belästigung und sexistischer Beleidigungen.

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Die zweite Klägerin, eine Regieassistentin, wirft dem Schauspieler vor, sie am Filmset unsittlich an Brust und Gesäß berührt zu haben. Bereits zuvor soll er ihr auf der Straße nachgestellt haben. Sie zeigte ihn im März 2024 an. Depardieu könnten bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug und zusätzlich 75.000 Euro Geldstrafe drohen.

Frankreichs Supertar: Star-Anwalt will Entlastungszeugen präsentieren

Um das zu verhindern, hat sich Depardieu mit Jérémie Assous einen der prominentesten Anwälte Frankreichs genommen. Der 48-Jährige gilt als einer der schillerndsten und streitlustigsten Strafverteidiger des Landes. Assous kritisierte die Methoden der Ermittler und den bewussten Ausschluss zahlreicher entlastender Zeugen durch Polizei und Staatsanwaltschaft.

CINEMA BRUSSELS BRIFF HONNOUR CEREMONY DEPARDIEU
Frankreichs Superstar Gérard Depardieu ist in seinem Ansehen tief gefallen. Nun muss er sich wegen sexueller Übergriffe vor Gericht verantworten. © picture alliance/dpa | Thierry Roge

Zudem stellte Anwalt Assous infrage, ob es den Anklägerinnen tatsächlich um Gerechtigkeit gehe oder nur um Geld. Ihm zufolge sollen die Klägerinnen Forderungen von 6.000 bis 30.000 Euro gestellt haben. Er versicherte, dass nicht weniger als 18 Zeugen den Schauspieler entlasten könnten. Mehrere von ihnen wolle er in den Zeugenstand bringen. Die Anhörung verspricht brisant zu werden.

Depardieu scheint in Frankreich längst in Ungnade gefallen

Seit Jahren schon melden sich immer mehr Frauen zu Wort, die dem preisgekrönten Darsteller sexuelle Übergriffe vorwerfen. So hat ihn 2018 die Schauspielerin Charlotte Arnould verklagt. Seit 2020 wird in diesem Fall ermittelt. An Arnould soll sich Depardieu in seiner Wohnung zweimal vergangen haben., ihm könnte in dem Fall der nächste Prozess drohen.

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Die Online-Zeitung „Mediapart“, die regelmäßig mit Enthüllungsgeschichten für Aufsehen sorgt, veröffentlichte im April 2023 einen Artikel, in dem 13 Frauen den Schauspieler sexueller Übergriffe oder unangemessener sexueller Äußerungen beschuldigten. Sie prangern Vorfälle an, die sich hauptsächlich bei Dreharbeiten von Filmen zwischen 2004 und 2022 ereignet haben sollen.

Depardieu bestreitet alle Vorwürfe gegen ihn. In einem in der Zeitung „Le Figaro“ Anfang Oktober 2023 veröffentlichten Brief bezeichnet er sich als Opfer einer „medialen Lynchjustiz“. Er sei sein ganzes Leben lang provokativ, anmaßend und manchmal unhöflich gewesen. „Aber ich bin weder ein Vergewaltiger noch ein Raubtier“, schrieb er darin.

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Seit „Les volets verts“ (erschienen im August 2022) hat Depardieu, der in über 200 Filmen mitgespielt hat, keinen Film mehr gedreht. Wie tief er im nationalen Ansehen gesunken ist, zeigt sich auch daran, dass seine Wachsfigur aus dem Pariser Kabinett Grévin entfernt wurde. Die Feministin Louise-Anne Baudrier prangerte auf Demos und im Fernsehen immer wieder den Umstand an, dass „viele Personen wussten, was Depardieu tat, ohne dass sie etwas sagten“. Schauspielerin Anouk Grinberg, die auch in „Les Volets verts“ dabei war, geht noch weiter: „Wenn ein Produzent Depardieu anheuerte, wusste er, dass er einen Aggressor anheuerte.“ Dagegen etwas zu sagen, sei tabu gewesen. Im französischen Film seien übergriffige Schauspieler und Regisseure durch die Omertà, das Gesetz des Schweigens, geschützt gewesen.

Depardieu schockierte mit Alkoholsucht, Pinkelgate und Steuerhinterziehung

Vergangene Woche ließ der bekannte Pariser Produzent und Agent Dominique Besnehard aufhorchen: „Einen Theaterkurs nimmt man in einem Theater, nicht bei einem Schauspieler zu Hause“, erklärte er. „Mit Verlaub, als Weinstein nach Cannes kam, gingen ihn einzelne Schauspielerinnen im Hotelzimmer besuchen, um eine US-Karriere zu starten.“

Besnehard unterzeichnete 2023 eine Petition pro Depardieu. Seiner Auffassung nach habe sich Depardieu nach dem Tod seines Sohnes Guillaume – auch er Schauspieler – stark verändert. Das äußere sich nicht nur in seinem Verhalten an Drehorten, sondern auch durch sein Alkoholproblem. Bekannt wurden Vorfälle wie der auf einem Flug von Paris nach Dublin, als Depardieu mangels freier Toiletten in den Mittelgang urinierte.

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Das Schwergewicht des französischen Films fiel auch anderweitig auf: Wegen Hinterziehung und Steuerflucht nach Belgien startete die Pariser Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr ein Verfahren gegen Depardieu. Der Inhaber eines französischen, russischen und emiratischen Passes versucht derzeit auch, seine Villa in der Normandie zu verkaufen, da er mit Frankreich – wieder einmal – gebrochen hat.

Sinkt seine Laune gegenüber seinem Heimatland, nähert sich Depardieu gerne seinem russischen Freund Wladimir Putin an. Dafür heftig kritisiert, erklärte er 2022, er werde ukrainische Kriegsopfer unterstützen. Aber Russland – konkret sein Holzhaus südlich von Moskau – bleibt seine zweite Heimat, sein Exil. Dass der einstige Star nicht merken sollte, wie sich die Dinge in Paris geändert haben, kostete ihn bereits die Schauspielkarriere. Jetzt bleibt ihm nur noch die Anklagebank.