Berlin. Am 1. April jährt sich Harald Juhnkes Todestag zum 20. Mal. Aus diesem Anlass zeigen wir in unserer Filmreihe „Sigi, der Straßenfeger“.

Er war einer der ganz großen deutschen Showmaster, Entertainer und Komiker. Ein Publikumsliebling. Und doch eine tragische Figur, weil er wegen seiner Alkoholkrankheit immer wieder abstürzte. Am 1. April jährt sich der Todestag von Harald Juhnke zum 20. Mal. Und die Berliner haben „ihren“ Harald nicht vergessen.

Die Stadt hat „ihren“ Harald nicht vergessen - und ehrt ihn mehrfach

Gleich vier Parteien machen sich gerade stark, in der Stadt endlich einen prominenten Platz nach ihm zu benennen, am Kurfürstendamm, Ecke Grolman- und Uhlandstraße, nur wenige Schritte von der Komödie am Ku’damm entfernt. Am 20. April werden Möbelstücke von ihm versteigert.

An seinem Todestag zelebrieren Stars wie Ben Becker, Daniela Ziegler, Dieter Hallervorden, der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Moderator Felix Martin im Wintergarten eine Gala-Hommage an Harald Juhnke. Und am selben Tag gedenkt auch , Juhnke mit einem Film.

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Sigi, der Strassenfeger
Iris Berben spielt die berechnende Unternehmerin, die ihr Schmiergeld zurück will und Sigi deshalb becirct. © Ziegler Film | Ziegler Film

Gerne hätten wir dabei „Der Trinker“ aus dem Jahr 1995 gezeigt. Eine seiner ganz großen Darstellungen, die Juhnke unbedingt spielen wollte, die er sich regelrecht erkämpfen musste. Und mit denen er auch seine eigenen Dämonen verarbeitete. Doch die Hans-Fallada-Verfilmung war ein Fernsehfilm mit mehreren Produzenten. Und derzeit weiß keiner, bei wem die Rechte liegen. Weshalb man den Film nicht zeigen kann. Wie schade. Stattdessen zeigen wir Juhnke in einer Filmkomödie. Ein Fach, das er meisterhaft beherrschte.

Als Sigi fällt Harald Juhnke tief - und landet auf der Straße

In fällt er tief. Und kommt auf die Straße. Aber nicht als Clochard. Sondern als Stadtreiniger. Lange vor Uwe Ochsenknecht und dessen heiteren Filmen um „Die drei von der Müllabfuhr“. Als Sigi fegt Juhnke die Straßen, räumt Sperrmüll weg und pfeift sich dabei eins. So ein Bild wünschte man sich in diesen Tagen, da die Folgen des BSR-Streiks im Straßenbild noch immer zu sehen sind. Juhnke als Stadtreiniger? Eine Art Dirty Harry in oranger Müllmannkluft? Juhnke bewegt sich darin so jovial und augenzwinkernd wie im Showfrack.

Sein Straßenfeger kommt allerdings nicht ganz freiwillig zu seinem Job. Eigentlich arbeitete dieser Sigi Stenz auf dem Bürgeramt. Wimmelte die Bürger aber nicht ab, sondern erklärte ihnen sogar, welche Anträge sie für ihre Anliegen auszufüllen haben. Weshalb ihn sein grimmiger Vorgesetzter Baltuschek (Günther Ungeheuer) degradiert. Vom Büro in den obersten Etagen vom Steglitzer Kreisel, über dem Himmel von Berlin, ganz nach unten, auf die Straße. Und zum Müll.

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Mit elf Jahren gab Nicolette Krebitz ihr Kinodebüt - als Sigis rotzfreche Tochter Willi.
Mit elf Jahren gab Nicolette Krebitz ihr Kinodebüt - als Sigis rotzfreche Tochter Willi. © Ziegler Film | Ziegler Film

Chef Baltuschek betreibt freilich auch sonst unfeine Geschäfte. Der Berliner Senat will in diesen Tagen das Hundekot-Problem lösen (damals in der Tat ein drängendes Problem in der Stadt). Und Baltuschek lässt sich dabei Schmiergeld zahlen von der Unternehmerin Jane Wolf (Iris Berben), die ihre Konkurrenz ausstechen will. Frau Wolf hat außerdem ein belastbares Foto, das den Politiker mit ihr in einer delikaten Situation zeigt. Beides wird ihm, für die Zusage des Senats, übergeben, diskret versteckt in einer Zigarrenkiste.

1984 - ein Schicksalsjahr für Harald Juhnke

Die aber verliert Baltuschek in angetrunkenem Zustand. Und die landet ausgerechnet im Sperrmüll, den der degradierte Sigi entrümpeln soll. Der findet das viele Geld und wähnt sich reich. Aber Baltuschek und Wolf kommen ihm auf die Schliche. Und verfolgen ihn. Die Unternehmerin versucht es mit weiblichen Reizen, der Politiker mit Drohungen. Und schließlich verfolgen beide ihn durch halb Berlin, Berben in einem roten Sportwagen, der zunehmend verbeult wird, Baltuschek auf einem Motorrad, mit dem er Sigi sogar quer durchs Europa-Center jagt, über Rolltreppen bis ins Terrassen-Café.

Der Straßenfeger aber weiß sich ihnen immer wieder zu entwinden. Und wechselt dabei flugs in die unterschiedlichsten Verkleidungen. Am Ende wehrt er sich gegen die korrupten Senatspläne, indem er die getürkte Schaustellung der beiden Hundeklo-Anbieter torpediert. Mit seinen BSR-Jungs. Und einer Horde Straßenköter.

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Regina Ziegler und Wolf Gremm
Wolf Gremm, der Regisseur des Films, mit seiner Frau, der Produzentin Regina Ziegler. © picture alliance/United Archives | Valdmanis

Ein Unterhaltungsfilm ganz im Stil der 80er-Jahre. Mit durchaus satirischem Unterton, der die Berliner Senatspolitik aufs Korn nimmt. Regisseur Wolf Gremm nahm dies aber vor allem zum Anlass für viel Klamauk und Slapstick. Ein tiefer Griff in die Klamottenkiste. Und er konnte dafür eine beachtliche Riege an Schauspielern gewinnen. Allen voran Harald Juhnke, der damit nach zehn Jahren ein Kino-Comeback feierte.

An seiner Seite Iris Berben, die kurz danach bei der Comedyreihe „Sketch-Up“ einstieg. Daneben Urgesteine wie Brigitte Mira und Herbert Fux. Und Nicolette Krebitz, die gerade zusammen mit Lars Eidinger in Tom Tykwers Film „Das Licht“ zu sehen ist, die damals mit gerade mal elf Jahren ihr Kinodebüt feierte – als Tochter von Juhnke und typische Berliner Göre, die alles mit rotzfrechem Mundwerk kommentiert.

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Doch so lustig und locker, wie es scheint, waren die Dreharbeiten nicht. Juhnke hatte drei Jahre zuvor seine Samstagabendshow „Musik ist Trumpf“ verloren, weil das ZDF meinte, man könne sich nicht mehr auf ihn verlassen. Der Sender hielt noch eine Weile fest an dem Manne, dem das Publikum all seine Ausfälle verzieh.

1984 - ein Schicksalsjahr für Harald Juhnke

Aber nach einem geplatzten Auftritt bei „Dalli Dalli“, dem Ausstieg aus Dreharbeiten für einen Fernsehfilm und einem Auftritt in betrunkenem Zustand in einer SFB-Talkshow kündigte sie dem Entertainer schließlich endgültig – am 25. Oktober 1984, genau eine Woche nach dem Kinostart von „Sigi der Straßenfeger“. Und auch diese Dreharbeiten waren nicht ganz reibungslos verlaufen. Produzentin Regina Ziegler wachte nachts höchstselbst am Bett von Harald Juhnke, damit dieser nicht zur Flasche griff und am nächsten Morgen nüchtern am Set war.

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In einer Szene wird das sogar aufgegriffen. Da sagt Sigi, anlässlich des unverhofften Geldsegens: „Ich brauch erst mal’ nen Schampus.“ Woraufhin Guido Gagliardi als dessen bester Freund Luigi nur stöhnt: „Du lässt auch keine Gelegenheit aus!“ Ein Gag, den damals jeder verstand. Solche Pointen auf eigene Kosten leistete sich Juhnke immer wieder. Und musste sie sich leisten, als Abbitte vor seinen Fans. Die Szene zeigt freilich auch, wie erschreckend unbekümmert man damals noch mit Alkoholkranken umging. Auch mit einer solch bitteren Szene liefert der Film da ein Zeit-Bild.

Zoo Palast, 1. April, 20 Uhr, in Anwesenheit der Produzentin des Films, Regina Ziegler.