Berlin. Der Neuköllner Volkspark Hasenheide bietet aktuell ganz besondere Einblicke. Die Morgenpost hat hineingeschaut – die Stadtflucht-Kolumne.

In Berlin bedeuten selbst Jahreszeiten wie Frühling eine besondere Herausforderung. Und ich meine nicht mal die streikbedingten Müllberge, die am Straßenrand schneller wachsen als Osterglocken und Krokusse. In diesen letzten Tagen zwischen Winter und Frühling sieht Berlin immer ein bisschen aus wie ein riesiges, unaufgeräumtes Schlafzimmer, in dem jemand plötzlich das Licht angemacht hat. Jetzt fallen die unaufgeräumten Ecken unangenehm ins Auge, all das Hingeworfene, Liegengelassene und Vergessene dieser Stadt.

So ging es mir vor ein paar Tagen in der Hasenheide. Was ich an der zerzausten Grünfläche zwischen Tempelhofer Feld und den Partyvierteln Nord-Neukölln und Kreuzberg mag, ist dieser typische Berliner Trotzdem-Effekt. Ja, der Park ist immer voller Jogger, Hunde, Dealer, Radfahrer, Künstler und Leuten, die Dinge tun, die man nicht ganz versteht. Aber dieses Miteinander macht es irgendwie auch interessant und manchmal auch schön.

Im Volkspark Hasenheide in Neukölln werden Bäume gepflanzt
Das Denkmal für die Trümmerfrauen im Einfangsbereich an der Graefestraße. © BM | Uta Keseling

Diesmal empfing mich schon im Eingang eine schräge Figur. Eine ältere Dame saß mit einem bunten Blumenkranz auf dem Kopf auf einem Podest, im Schoß einen weiteren Strauß mit einem lilafarbenen Schild: „Wir feiern Frauentag“. Die Blumen waren die Spende einer Floristin. Und die geschmückte Frau eine „Trümmerfrau“ aus Stein.

Bagger haben unzählige Mini-Baugruben ausgehoben

Wer weiß heute eigentlich noch, was dieser Begriff meint? Der Gedenkstein neben der Skulptur, übrigens vor genau 70 Jahren und von einer Frau geschaffen, erklärt: „In Dankbarkeit den Berlinerinnen gewidmet, die nach dem 2. Weltkrieg als Trümmerfrauen Trümmer der zerstörten Stadt beseitigten und damit ihren Wiederaufbau begründeten.“ Wenn man Berlin und Wiederaufbau googelt, stößt man auf die Konferenz von Jalta, das Viermächteabkommen und so weiter. Was haben die namenlosen Frauen hinterlassen, an die diese Skulptur erinnert?

Die meisten Besucher joggen oder radeln hier einfach vorbei. Wie das eben so ist mit Denkmalen, dachte ich im Weitergehen. Dann stand ich plötzlich vor einer komplett zerlöcherten Wiese. Wo bis vor drei Jahren der Jahrmarkt „Neuköllner Maientage“ stattfand, haben Bagger unzählige Mini-Baugruben ausgehoben. Ein bekritzeltes Schild erklärt: Hier entsteht die „klimaresiliente Hasenheide“. Mit Hunderten neuer Bäume, „Millionen von Gräsern“, Bodenverbesserung und Regenwasserversickerung solle der Park „klimafit“ werden.

Im Volkspark Hasenheide in Neukölln werden Bäume gepflanzt
Im Volkspark Hasenheide in Neukölln werden Bäume gepflanzt - ein bekritzeltes Schild erklärt das Projekt. © BM | Uta Keseling

Allerdings kamen mir Zweifel, als ich genauer in die Löcher hineinschaute. Aus der feuchten Erde ragten Ofenkacheln heraus, kaputte Backsteine, zertrümmerte Bürgersteigplatten, Reste von Zement und Putz. Wie sollen in diesem Müll Bäume wachsen, fragte ich mich. Und wer hatte diesen Bauschutt hier abgekippt? Mir fiel ein, was Fachleute mir vor einigen Jahren bei einer Reportage erzählt hatten: Dass die Baumlöcher der Hasenheide teilweise mit Sonden ausgestattet würden, um die Bodenbedingungen zu messen und auszuwerten.

Zeitzeugen gesucht: Die letzten Kriegstage - schreiben Sie uns

Damals ging es um die Auswirkungen des Klimawandels. Doch den Experten war auch etwas anderes bewusst: Dass die Hasenheide, wie wohl fast alle Parks in Berlin, nach 1945 genutzt wurde, um die unfassbaren Massen an Trümmern und Schutt der zerbombten Stadt abzuladen. Viele der romantischen Berliner „Anhöhen“ sind so entstanden, auf denen heute gerodelt wird, es Spazierwege und Aussichtspunkte gibt. Der Teufelsberg, die Hügel in den Volksparks Friedrichshain und Prenzlauer Berg, der Insulaner, alle bestehen aus den zerstörten Häusern der Berliner. Aus kaputten Schulen, Bahnhöfen, Plätzen, Straßen. Auch die Rixdorfer Höhe in der Hasenheide, heute ein baumbestandener Hügel mit kleinem See am Fuß, entstand so. Zusammengetragen wurde der Schutt per Hand von den erwähnten Frauen.

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Ich blieb einen Moment an den Löchern stehen. Der Bauschutt sah so real aus. So neu. Mir fiel auf, wie dünn die Grasschicht ist, die hier im Wortsinn über den Trümmern unserer Geschichte wächst. 80 Jahre erscheinen uns heute lang. Noch aber können manche der Zeitzeugen sogar selbst noch aus dieser Zeit erzählen. Sie auch? Dann mailen Sie mir gern: